Ein Feierabendbier, ein Glas Wein zum Runterkommen, ganz normal, oder? Doch was nehmen Kinder eigentlich mit, wenn sie das Tag für Tag erleben? Mehr, als wir oft vermuten.
Kinder und Jugendliche lernen durch Beobachtung
Kinder hören, was wir sagen, aber sie spüren noch stärker, was wir vorleben. Wenn wir über einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol sprechen, dabei aber täglich ein Glas Wein oder Bier trinken, entsteht ein innerer Widerspruch. Und genau dieser Widerspruch prägt:
- Alkohol gehört zur Normalität
- Man trinkt, um sich zu entspannen, zu genießen, besser einzuschlafen oder um Stress/Anspannung abzubauen
Auch die Eltern trinken regelmäßig, also scheint das harmlos zu sein
Je häufiger Kinder und Jugendliche das erleben, desto mehr verankert sich Alkohol als normales Alltagsmittel, nicht als Ausnahme, sondern als Gewohnheit.
Was Studien zeigen: Risiko beginnt früh und oft unbemerkt
Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, 2021) trinken rund 30 % der Eltern mit minderjährigen Kindern regelmäßig Alkohol im Beisein ihrer Kinder. Studien wie Paulus et al. (2019) und der britische „Children of Alcoholics Report“ (2021) zeigen:
- Kinder und Jugendliche aus Familien mit regelmäßigem Alkoholkonsum haben ein erhöhtes Risiko, selbst früh mit Alkohol zu experimentieren
- Sie erleben häufiger Unsicherheit, emotionale Unruhe oder den Wunsch, sich unauffällig zu verhalten, auch wenn die Eltern nicht betrunken wirken
Die Wahrscheinlichkeit späterer Suchterkrankungen ist bei ihnen signifikant erhöht
Auch die WHO betont: Schon moderat konsumierender Alkoholkonsum von Eltern kann bei Kindern zu erhöhter Stresswahrnehmung, Unruhe und emotionaler Verunsicherung führen.
Was dein Kind daraus lernt, ganz ohne Worte
Wenn Kinder und Jugendliche regelmäßig sehen, dass Erwachsene Alkohol trinken, sei es beim Abendessen, zum Runterkommen oder als Ritual nach einem anstrengenden Tag, verknüpfen sie damit bestimmte Botschaften, oft ganz unbewusst:
- Alkohol gehört zum Erwachsensein einfach dazu
- Mit Alkohol entspannt man sich oder belohnt sich nach einem langen Tag
Wer gestresst oder erschöpft ist, greift zu Alkohol, um damit umzugehen und um Stress zu regulieren, besser einschlafen zu können
Diese Verknüpfungen entstehen nicht durch einzelne Momente, sondern durch stille Wiederholung im Alltag. Und genau das prägt.
Solche unbewussten Botschaften sind oft stärker als jede spätere Aufklärung. Jugendliche übernehmen nicht nur Gewohnheiten, sondern auch innere Haltungen und zwar aus dem, was sie erleben, nicht aus dem, was Eltern oder Schule ihnen erklären.
Und was bedeutet das für dich als Mutter oder Vater?
Vielleicht ist dein Konsum gering, ein Glas Wein oder Bier am Abend, bewusst genossen. Vielleicht würdest du sagen: „Ich trinke ja nicht viel.“ Aber für dein Kind zählt nicht, wie viel du trinkst, sondern dass es regelmäßig passiert und welche Stimmung, Haltung oder Distanz dabei mitschwingt.
Kinder und Jugendliche erleben oft eine stille Spannung zwischen dem, was sie über Alkohol lernen und dem, was sie zu Hause beobachten. In der Schule oder durch Medien erfahren sie, dass Alkohol Risiken birgt und mit Vorsicht zu genießen ist. Zu Hause sehen sie aber, dass er ganz selbstverständlich zum Alltag gehört.
Wenn Alkohol regelmäßig präsent ist, entsteht ein innerer Zwiespalt:
- Alkohol wird als riskant dargestellt, aber zu Hause ganz beiläufig konsumiert
- Er ist sichtbar, aber es wird kaum darüber gesprochen, warum er getrunken wird oder welche Wirkung er haben kann (z.B. Suchtpotential bei regelmäßigen Konsum)
Die Stimmung verändert sich, subtil, aber spürbar, auch wenn niemand betrunken ist
Diese stillen Eindrücke hinterlassen Spuren. Denn Kinder orientieren sich nicht nur an Worten, sondern an Atmosphäre, Körpersprache und Wiederholung. Und genau deshalb ist es so bedeutsam, das eigene Verhalten ehrlich zu reflektieren.
Solche widersprüchlichen Eindrücke können verunsichern, besonders, wenn sie über längere Zeit still mitschwingen. Umso wichtiger ist es, ehrlich hinzuschauen. Nicht mit Schuld, sondern mit echter Aufmerksamkeit: Was nimmt mein Kind von mir auf jeden Tag, ganz nebenbei? Und genauso wichtig: Was macht der Alkohol mit mir? Warum greife ich überhaupt zum Glas? Aus Gewohnheit, aus Anspannung, aus dem Wunsch nach einem Moment Ruhe?
Diese Fragen sind unbequem, aber sie schaffen Klarheit. Für dich selbst. Und für dein Kind.
Was du tun kannst, bewusst und nah an deinem Kind
Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Sondern darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Kinder und Jugendliche sicher, gesehen und ernst genommen fühlen. Dazu gehört:
- Hinterfrage deinen eigenen Konsum: Wann trinkst du und warum?
- Auch wenn du deinen Konsum selbst nicht kritisch siehst, ein ehrliches Gespräch mit deinem Kind kann zeigen, dass Offenheit möglich ist. Und genau das schafft Vertrauen.
- Zeig, dass es andere Wege gibt, mit Stress, Emotionen und Freude umzugehen
Setz bewusste alkoholfreie Zeiten, sichtbar und spürbar
Vielleicht gehört ein Glas Bier oder Wein für dich einfach zum Abend dazu. Nicht aus Überforderung, sondern weil es schmeckt. Weil es zu deinem Alltag gehört, so wie das Kochen, das Licht dimmen oder der Moment zum Abschalten.
Und genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis: Wenn Alkohol zur Gewohnheit wird, die nicht mehr hinterfragt wird, verschwimmt die Grenze zwischen bewusster Entscheidung und automatischem Verhalten.
Was heute ein entspannter Teil der Abendroutine ist, kann sich mit der Zeit zu einer festen Verknüpfung und Routine entwickeln: Feierabend heißt trinken. Entspannung heißt Alkohol.
Viele Erwachsene haben selbst erlebt, wie Alkohol in der eigenen Herkunftsfamilie „einfach dazugehört“ hat. Als Belohnung, zur Entspannung oder weil es eben immer so war. Diese Muster sind oft tief verankert, aber sie lassen sich durchbrechen. Nicht mit Druck, sondern mit Bewusstsein, ehrlichem Hinschauen und kleinen Schritten.
Wenn du merkst, dass dir das schwerfällt: Du bist nicht allein.
Ein erstes Warnzeichen kann sein, wenn du regelmäßig trinkst, obwohl du es gar nicht wirklich möchtest oder wenn du dich unwohl fühlst, sobald der Alkohol fehlt. Auch das Gefühl, ohne Alkohol nicht mehr richtig abschalten oder entspannen zu können, ist ein ernstzunehmender Hinweis.
Schon regelmäßiger Konsum an mehreren Tagen pro Woche, auch in kleinen Mengen, kann auf Dauer ein Suchtpotenzial entwickeln.
Vor allem dann, wenn Alkohol zur festen Strategie wird, um Stress, Erschöpfung oder emotionale Spannungen zu regulieren. Was zunächst unauffällig erscheint, kann sich langsam in eine psychische oder körperliche Abhängigkeit entwickeln, oft ohne dass man es selbst bemerkt.
Eine Abhängigkeit beginnt nicht erst bei Kontrollverlust oder Entzug, sondern oft viel leiser, im Alltag, in Gewohnheiten, im Wegsehen.
Wenn du das Gefühl hast, dein Konsum belastet dich oder dein Umfeld: Es gibt gute Anlaufstellen, die dich unterstützen, vertraulich, menschlich und ohne Druck. Zum Beispiel:
- Suchtberatungsstellen vor Ort (Caritas, Diakonie, kommunale Angebote)
- Die Sucht & Drogen Hotline: 01805 31 30 31 (täglich erreichbar)
- www.kenn-dein-limit.info – Aufklärungs- und Hilfsangebote der BZgA
www.nacoa.de – Unterstützung speziell für Kinder aus suchtbelasteten Familien
Schon ein Gespräch kann helfen, neue Wege zu gehen - für dich und für dein Kind.
Fazit: Dein Vorbild ist stärker als jedes Verbot
Kinder und Jugendliche orientieren sich an dem, was sie täglich sehen. Wenn Alkohol ein fester Bestandteil deines Alltags ist, wird er das auch in ihrem Denken. Umgekehrt wirkt auch jede bewusste Entscheidung gegen den Automatismus. Du zeigst damit: Man kann anders und genau das macht dich stark.
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